FOTOESSAYS
GEDANKEN ÜBER PORTRAITFOTOGRAFIE.
ÜBER MENSCHEN.
ÜBER HALTUNG.
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ZEIT
Portraitnotiz 1
Schon einen Tag vor dem Termin war ich im Roten Rathaus unterwegs.
Nicht zum Fotografieren.
Zum Schauen.
Ich suche einen Ort nicht nach seiner Schönheit aus, sondern nach seiner Stimmung. Ich gehe durch die Räume, beobachte, wie das Licht zur Zeit des Shootings fällt, und frage mich, was dieser Ort über den Menschen erzählen könnte, der am nächsten Tag vor meiner Kamera stehen wird.
Im Turm des Roten Rathauses fiel weiches Gegenlicht durch die Fenster. Ich hoffte, dass es am nächsten Tag wieder da sein würde.
Ich hatte Glück.
Franziska Giffey schenkte mir an diesem Tag etwas mehr Zeit als ursprünglich geplant. Genug, um die Ideen umzusetzen, die am Vortag entstanden waren.
Für mich beginnt ein Portrait für FÖDERAL deshalb Tage vor dem eigentlichen Shooting.
Mit Aufmerksamkeit.
Mit Vorbereitung.
Ich lese, höre Interviews, schaue Gespräche um möglichst schnell einen persönlichen Zugang zu finden und eine entspannte Atmosphäre am Set entstehen zu lassen.
Sich Zeit für den Raum, das Licht und vor allem für die Person zu nehmen, ist für mich der Schlüssel zu meiner eigenen Bildsprache.
Ohne ein Gefühl im Bauch für den Menschen und ein freches Grinsen im Kopf gelingen mir keine guten Portraits.
Dafür brauche ich Zeit.
Vor allem in der Vorbereitung, nicht unbedingt beim Fotografieren.
Nicht schneller. Tiefer.
Diese Haltung begleitet auch meine Meisterklasse für Portraitfotografie.
LICHT
Portraitnotiz 2
Licht ist für mich elementar.
Ich habe immer eigenes Licht dabei.
Egal, ob ich es am Ende brauche oder nicht. Es ist für mich die Versicherung, mit einem guten Bild nach Hause zu gehen ohne auf Zufälle angewiesen zu sein.
Fotografieren gelernt habe ich mit analogen Mittelformatkameras.
Die Filme waren langsam, das Licht oft knapp. Schon damals begann ich, Licht mitzunehmen.
Nicht, weil es spektakulärer aussieht, sondern weil es mich unabhängig macht.
Eigenes Licht befreit dich von den Zwängen eines Raumes.
Und es hilft dir, eine eigene Bildsprache zu entwickeln.
Viele meiner Portraittermine dauern nur wenige Minuten.
Für das Portrait von Jürgen Rüttgers hatte ich gerade einmal drei Minuten.
In dieser kurzen Zeit bleibt kein Raum für Improvisation.
Licht und Setting sind deshalb oft schon Stunden vorher vorbereitet.
Wenn der Mensch vor die Kamera tritt, soll ich mich ganz auf ihn konzentrieren können nicht auf die Technik.
Licht ist für mich deshalb nicht nur Beleuchtung.
Es schafft Ruhe.
Es schafft Konzentration.
Und manchmal schenkt es einem Portrait genau die Tiefe, die mit vorhandenem Licht nicht möglich gewesen wäre.
Nicht der Zufall.Die Entscheidung.
Diese Haltung begleitet auch meine Meisterklasse für Portraitfotografie.
RAUM
Portraitnotiz 3
Ich stelle einmal die steile These auf, dass man es nur schwer lernen kann, einen Raum und sein Licht in kurzer Zeit wirklich zu lesen.
Es gibt Menschen, die diese Fähigkeit intuitiv mitbringen. Andere haben andere Stärken.
Ich glaube, ich kann Räume ziemlich gut lesen.
Trotzdem versuche ich, jeden Ort möglichst schon einen Tag vor dem Shooting kennenzulernen.
Nicht zum Fotografieren. Zum Schauen.
Ich gehe durch die Räume, beobachte das Licht, suche Blickachsen, Spiegelungen und Linien. Ich frage mich, was dieser Ort über den Menschen erzählen könnte, der morgen vor meiner Kamera stehen wird.
Die Bilder, die dabei entstehen, trage ich mit nach Hause. Oft arbeite ich nachts im Kopf weiter. Manche Ideen wachsen. Andere verschwinden wieder.
Und wenn ich die Zeit habe, gehe ich am Morgen des Shootings noch laufen.
Beim Laufen denke ich am besten.
Danach komme ich mit fertigen Bildern im Kopf ans Set. Nicht, weil ich sie exakt umsetzen möchte, sondern weil ich weiß, wonach ich suche.
Genau so war es auch beim Portrait von Dagmar Manzel.
Bevor ich sie im Kino International fotografierte, war ich mindestens zwei Mal dort, nur um den Raum zu verstehen.
Ich glaube, ein guter Raum ist nie nur Hintergrund.
Er erzählt mit.
Nicht Kulisse. Resonanz.
Diese Haltung begleitet auch meine Meisterklasse für Portraitfotografie.
VERBINDUNG
Portraitnotiz 4
Ich werde in Workshops oft gefragt, wie man ein authentisches Portrait fotografiert.
Die Antwort enttäuscht viele.
Ich glaube nämlich nicht, dass ein Mensch auf einem Foto wirklich zeigen kann, wie er ist.
Deshalb mag ich den Begriff Authentizität nicht besonders.
Was wir fotografieren können, ist etwas anderes.
Einen Moment, in dem ein Mensch ganz bei sich ist.
Dafür braucht es keine besondere Kamera.
Sondern Aufmerksamkeit.
Zuhören.
Ein Gespräch.
Manchmal ein gemeinsames Lachen.
Und manchmal auch Stille.
Ich glaube, es ist meine Aufgabe als Fotograf, eine Verbindung zu schaffen.
Nicht zwischen Kamera und Mensch.
Sondern zwischen Mensch und Mensch.
Erst dann entsteht die Nähe, die ein Portrait braucht.
Ich bin dabei oft ein Spiegel.
Wenn ich mich öffne, wenn ich ehrlich neugierig bin und mich wirklich auf mein Gegenüber einlasse, dann sehe ich diese Offenheit oft im Gesicht des Menschen vor meiner Kamera wieder.
Vielleicht ist genau das das Geheimnis eines guten Portraits.
Nicht Authentizität.
Sondern Vertrauen.
Nicht Authentizität. Verbindung.
Über genau solche Fragen sprechen wir auch in der Meisterklasse.
REDUKTION
Portraitnotiz 5
„Perfektion ist nicht dann erreicht, wenn man nichts mehr hinzufügen kann, sondern wenn man nichts mehr weglassen kann.“
– Antoine de Saint-Exupéry
Ich mag dieses Zitat sehr.
Nur mit dem Wort Perfektion hadere ich.
Perfektion interessiert mich in der Fotografie kaum.
Mich muss ein Bild berühren.
Es darf hell sein.
Oder dunkel.
Unscharf.
Körnig.
Unvollkommen.
Bei Portraits versuche ich deshalb nicht, immer mehr hinzuzufügen.
Sondern alles zu entfernen, was von der Person ablenkt.
Farbe.
Licht.
Struktur.
Schärfe.
Nicht als Regel.
Sondern als Entscheidung.
Reduktion lenkt den Blick.
Und manchmal lässt sie einem Bild genau den Raum, den der Betrachter braucht, um es weiterzudenken.
Vielleicht ist genau das die größte Stärke eines Bildes.
Nicht alles zu zeigen.
Sondern genug offen zu lassen, damit Fantasie entstehen kann.
Nicht weniger. Wesentlicher.
Über genau solche Fragen sprechen wir auch in der Meisterklasse.
STILLE
Portraitnotiz 6
Ich mag stille Bilder.
Bilder, die ich lange betrachten kann.
Bilder, in denen ich auch nach dem zehnten Blick noch etwas entdecke.
Sie geben mir Ruhe.
Bilder, die ihre Botschaft laut ins Gesicht schreien, sind nicht meine Welt.
Vielleicht gilt das auch für die Menschen, die ich fotografiere.
Ich kann Stille gut aushalten.
Beim Portraitieren ist sie für mich genauso wichtig wie das Licht.
Ich lasse Menschen lieber sein, wie sie sind.
Ich schiebe sie nicht in Posen.
Ich suche das ruhige Gespräch.
Und manchmal entstehen die schönsten Bilder genau in den Momenten, in denen niemand mehr etwas sagen muss.
Deshalb gibt es heute kein Portrait.
Sondern eines meiner liebsten Bilder der letzten Zeit.
Restwärme unter Äpfeln.
Über genau solche Fragen sprechen wir auch in der Meisterklasse.
VERTRAUEN
Portraitnotiz 7
Ach, Vertrauen.
Vielleicht das Wichtigste beim Portraitieren.
Es beginnt lange bevor ich die Kamera in die Hand nehme.
Entweder kennt mich die Person, die ich fotografiere, bereits. Oder sie hat meine Bilder gesehen und sich ganz bewusst für meine Art zu fotografieren entschieden.
Ich glaube, dass unsere Bilder viel über uns als Fotograf:innen erzählen.
Über unsere Haltung.
Über unsere Geduld.
Über unsere Neugier auf Menschen.
Vielleicht sogar über unseren Charakter.
Wenn Dir die Bilder eines Fotografen gefallen, dann ruf ihn an.
Mit großer Wahrscheinlichkeit passt auch die Begegnung.
In fast dreißig Jahren gab es nur zwei Situationen, in denen ich gespürt habe, dass es zwischen meinem Gegenüber und mir einfach nicht funktioniert.
Das gehört dazu.
Denn Vertrauen entsteht nicht auf Knopfdruck.
Auch ich brauche Zeit, um ein Gefühl für einen Menschen zu entwickeln.
Deshalb meine Bitte:
Nehmt Euch Zeit.
Hört zu.
Interessiert Euch ehrlich für den Menschen vor Eurer Kamera.
Dann entsteht oft ganz von selbst das, wonach wir alle suchen.
Ein schönes Portrait.
Über genau solche Fragen sprechen wir auch in der Meisterklasse.