MEINE HALTUNG

Meine Großmutter Séra und ihre Cousine Esther waren die einzigen Angehörigen meiner mütterlichen Familie, die den Holocaust überlebten.
Fast alle anderen wurden in Auschwitz und Treblinka ermordet.
Ich durfte Esther noch kennenlernen. Besonders das Bild der tätowierten Häftlingsnummer auf Esthers Arm hat sich tief in mein Gedächtnis eingebrannt. Diese Geschichte begleitet mich bis heute.

Sie prägt meinen Blick auf Menschen und sie prägt meine Arbeit als Fotograf.
Immer wieder habe ich mich gefragt, wie ich reagieren würde, wenn ich den Auftrag bekäme, einen Rechtsextremisten oder jemanden zu porträtieren, dessen politische Überzeugungen meinen eigenen zutiefst widersprechen.
Meine Antwort lautet: Ich würde ihn genauso fotografieren wie jeden anderen Menschen.
Nicht aus Zustimmung.
Sondern aus Respekt vor meinem Beruf.
Ich werde niemanden absichtlich besser aussehen lassen. Aber ich werde auch niemanden schlechter aussehen lassen.
Denn in dem Moment, in dem ich beginne, Menschen bewusst zu entwürdigen oder zu manipulieren, verlasse ich den Boden, auf dem meine Arbeit steht.
Fotografie darf Haltung haben.
Aber sie darf den Menschen nicht seine Würde nehmen.
Ich glaube, dass gerade in einer Zeit der Polarisierung ein Portrait nicht urteilen sollte.
Es sollte zeigen.


Lochkamera Portrait von Alexander Gauland für “Die Zeit”